Pionier für Europa

Es begann in den siebziger Jahren. Die Schulmedizin behandelte Schwangersein als Krankheit. Die Wände der Kreißsäle wirkten wie ein OP-Raum: weiß, kalt und gekachelt. Das Licht war grell. Die Frauen waren hilflos ihren Ängsten, Schmerzen und einem indifferenten Personal ausgeliefert. Um so mehr ließen die Ideen des französischen Arztes Frederick Leboyer aufhorchen: Er setzte sich für eine sanfte Landung für Neugeborene ein - und ihre liebevoll arrangierte Begrüßung in dieser Welt.

"Diese Ideen waren wunderbar, aber uns nicht genug", erinnert sich Dr. Michael Adam an seine frühen Jahre in der Gynäkologie. "Mir erschien es ebenso wichtig, die gebärenden Frauen mit allen Mitteln zu unterstützen: mit Zuwendung, Rücksichtnahme auf individuelle Wünsche und einer privaten intimen Atmosphäre. Eigentlich so, wie ich mir die Geburt für meine Frau und meine Kinder vorstellte."

Auch der Praxis, dass gesunde Frauen mit gesunden Babys nach der Geburt noch eine Woche im Spital lagen, dazu noch viel Zeit vom Neugeborenen getrennt, wollte er eine Alternative entgegensetzen: Er gründete gemeinsam mit Dr. Volker Korbei sowie drei begeisterten Hebammen das ambulante Geburtshaus Nussdorf.

Die zentrale Idee war, den Geburtsraum als Wohnraum zu gestalten. Im Mai 1986 wurde mit dem Geburtshaus Nussdorf das erste Geburtshaus Europas eröffnet. Es wurde zum Vorbild für viele spätere. Die Architektur: frühes Biedermeier. In einer typisch wienerischen Heurigengegend. Mit verträumtem Innenhof samt blumenreichem Garten. Viel Holz und warme Farben in den anheimelnden Räumen.

Das Geburtshaus Nussdorf war in diesem Bereich der Pionier der österreichischen Spitalsszene. Heute wird in jedem modernen Krankenhaus das Nussdorfer Repertoire angeboten.

Aber zumindest drei Dinge fehlen anderswo: die Exklusivität, die Individualität und die intime, fast private Atmosphäre. Das Geburtshaus Nussdorf verfügte über die Geburtstechnologie eines modernen Krankenhauses, mit dem Unterschied, dass die Geräte im Hintergrund blieben. In fünfzehn Jahren kamen in Nussdorf 3677 Kinder zur Welt.

1997 wurde es mit dem Wiener Gesundheitspreis ausgezeichnet,
1999 erhielt es als erste Wiener Einrichtung die WHO/UNICEF-Plakette "Baby Friendly Hospital". (siehe auch "Auszeichnungen")

Es geht uns darum, Geburt als natürlichen Prozess zu sehen, Frauen ein Ambiente der Privatheit und Wohnlichkeit und dem Neugeborenen ein liebevolles Willkommen in der Welt zu bieten. Das Projekt ist gelungen.17 Jahre konnte das private Geburtshaus Nussdorf neben den großen Geburtskliniken bestehen.

2003 Dr. Michael Adam die Departmentleitung der Semmelweis-Klinik. Das Geburtshaus wurde aus ökonomischen Gründen geschlossen, er führt seine Privatpraxis und das Institut für Frauengesundheit Ges.m.b.H. an diesem Ort weiter, vernetzt mit den ehemaligen Hebammen, im Sinne des Geburtshaus-Nussdorfkonzeptes.

line